Schwangerschaftsabbrüche sind eine Klassenfrage (5) – Von der Hexenverfolgung bis heute

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Der Widerspruch der Notwendigkeit und den Kosten der Reproduktion für das Kapital ist wesentlich für den Kapitalismus. Dieser Widerspruch ist schon bei der Entstehung des Kapitalismus erkennbar. Mit dem Übergang von einer Selbstversorgerwirtschaft zu einem profitorientierten Wirtschaftssystem verändert sich auch die Gesellschaft. Es kam zu Arbeitsteilung. Produktive, also auf dem Markt verkäufliche, Tätigkeiten und reproduktive Tätigkeiten wurden gesellschaftlich und geschlechtlich aufgeteilt.

„Unter dem neuen monetären Regime galt nur die Produktion für den Markt als wertschöpfende Tätigkeit, währen die Reproduktion des Arbeiters als eine Tätigkeit aufgefasst wurde, die wirtschaftlich wertlos ist; sie hörte sogar auf, als Arbeit angesehen zu werden. […] Die wirtschaftliche Bedeutung der im Haushalt geleisteten Reproduktion der Arbeitskraft wurde jedoch, ebenso wie ihre Funktion für die Akkumulation des Kapitals, unsichtbar gemacht und als „Frauenarbeit“ mystifiziert.“ (Silvia Federici, Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation, Wien: Mandelbaum, 2012, Seite 94)

Während die reproduktiven Tätigkeiten vor allem Frauen* zugeschrieben wurden, stieg gleichzeitig die Kontrolle über ihren Körper stark an. Das Ziel der meisten Länder im späten 17. Jahrhundert war der Bevölkerungswachstum. (vgl. Eli F. Heckscher, Mercantilism, London: Allen & Unwin, 1966, Seite 158) Um das Bevölkerungswachstum zu erreichen, ergriffen die Staaten verschiedene Maßnahmen.

„Die wichtigste Initiative, die der Staat ergriff, um die gewünschte Bevölkerungsgröße herzustellen, bestand jedoch in einem genuinen Krieg gegen die Frauen. Er zielte darauf ab, der Kontrolle, die Frauen über ihre Körper und die Reproduktion ausgeübt hatten, ein Ende zu setzen. […] Dabei wurden sämtliche Formen der Verhütung und der nicht-generativen Sexualität buchstäblich dämonisiert, während den Frauen gleichzeitig vorgeworfen wurde, dem Teufel Kindesopfer zu bringen. […] Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts […] begannen sämtliche europäische Regierungen Verhütungen, Abtreibung und Kindestötung aufs Schärfste zu bestrafen.“ (Federici I S.111)

Weiterhin wurde auch die Überwachung über Schwangerschaften erhöht und die meist weiblichen Hebammen wurden in der Hierarchie durch männliche Ärzte ersetzt, um auch bei der Geburt die Kontrolle der Frauen* zu brechen (vgl. Federici 112). Aufgrund all dieser Maßnahmen sind Frauen oft gezwungen worden gegen ihren Willen Kinder zu gebären.

„Niemand vermag das Leid und die Verzweiflung einer Frau zu beschreiben, die beobachten muss, wie sich ihr Körper gegen sie kehrt, was im Fall einer ungewollten Schwangerschaft unweigerlich passieren muss.“ (Federici, S.115)

Im Mittelalter konnten Frauen* Formen der Verhütung anwenden und hatten die Kontrolle über die Geburt der Kinder. Mit der Entstehung des Kapitalismus wurde der Körper der Frauen* ein vom Staat und Kirche kontrollierter Ort öffentlichen Interesses. Die Frage über den Nachwuchs der arbeitenden Klasse wurde im Interesse des Kapitals beantwortet. (vgl. Federici, S. 113)

„Tatsächlich handelt es sich bei Zeugung und Bevölkerungsentwicklung so wenig um etwas natürliches oder „automatisches“, dass der Staat in jeder Phase der kapitalistischen Entwicklung gezwungen gewesen ist, auf Regulierung und Zwang zurückzugreifen, um die Arbeiterschaft zu vergrößern oder zu verkleinern“. (Federici, S.115)

Hexenverfolgung

Um die Macht der Frauen* zu bekämpfen, wurden ihre Betätigungsfelder und ihr Wesen in Verruf gebracht. Sie wurden von der Lohnarbeit ausgeschlossen und ihre Rechte wurden systematisch abgebaut. (vgl. Federici, S.127) Frauen, die oft als Heilerinnen oder Wahrsagerinnen tätig waren, wurden als Hexen gebrandmarkt. Ihnen wurden schädliche Charaktereigenschaften zugewiesen. Weiblichkeit wurde herabgewürdigt und als Ursprung des Übels deklariert. (vgl. Federici, S.129)

„Eine bedeutende Rolle spielte in diesem Zusammenhang jene Verurteilung von Abtreibung und Empfängnisverhütung als Formen des maleficiums durch die der weibliche Körper – die auf eine Maschine zur Reproduktion der Arbeit reduzierte Gebärmutter – in die Hände des Staates und der Berufsärzte übergeben wurde.“ (Federici, S.182)

Frauen*, die sich weigerten Kinder zu gebären und sich somit der Reproduktion von Arbeitskräften verweigerten, konnten so als Hexen verfolgt und verurteilt werden. Staaten und Kirche ergänzten sich in ihren Interessen und konnten ihre Ziele gemeinsam durchsetzen.

„Die römisch-katholische Kirche lieferte den ideologischen Rahmen für die Hexenjagd und stiftete die Hexenverfolgungen an, […]. Die Hexenjagd wäre nicht möglich gewesen ohne die Inquisition und die zahlreichen päpstlichen Bullen, die die weltlichen Autoritäten aufforderten, „Hexen“ ausfindig zu machen und zu bestrafen, und vor allem ohne Jahrhunderte frauenfeindlicher kirchlicher Kampagnen. (Federici, S.211)

Diese Verbindung sehen wir bis heute. Der Malteser Orden bietet die ideologische Grundlage für die Kontrolle des Staates über den Körper von Schwangeren. Der Staat bietet mit seiner Eigentumsordnung die Möglichkeiten, dass die Kirche ihre Zwecke durch eigene Krankenhäuser durchsetzen kann. Leidtragende sind ungewollt Schwangere der arbeitenden Klasse.

Selbstbestimmung durch Befreiung Eine Selbstbestimmte Reproduktion der Arbeiter*innenklasse ist nicht im Interesse der Herrschenden. Einerseits braucht die Kapitalistenklasse eine Reproduktion der Arbeiterklasse, aber andererseits bedeutet Reproduktion auch Kosten und damit geringeres Kapital für die herrschende Klasse. Die Befreiung der arbeitenden Klasse und die Selbstbestimmung über den eigenen Körper funktioniert nur über die Überwindung des kapitalistischen Wirtschaftssystems.

-ASP-

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